Ernährung

Epigenetik: Warum unsere Gene kein Schicksal sind und wie sie sich überlisten lassen

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Dunja Rieber

Unsere Erbanlagen sind nicht in Stein gemeißelt, wie lange angenommen. Unsere Gene werden von äußeren Faktoren beeinflusst, auch von unserer Ernährung. Lesen Sie hier, wie Sie die richtigen Gene „anknipsen“ und wie eine epigenetische Ernährung im besten Fall aussieht.

Was ist Epigenetik?

Blonde Haare, große Füße, künstlerisches Talent oder die Anfälligkeit für bestimmte gesundheitliche Belastungen – vieles liegt in unseren Genen. Dabei können wir unsere Gene viel mehr beeinflussen als wir glauben. Im Gegensatz zu äußeren Attributen wie Haar- und Augenfarbe können wir den biologischen Bauplan unseres Lebens teilweise selbst schreiben. Das zeigt das noch junge Forschungsgebiet, die Epigenetik. Seit Anfang der 2000er Jahre stellt sie das alte Denkmuster auf den Kopf, dass unsere Gene unveränderbar und wir ihnen ausgeliefert sind. Gleichzeitig bietet sie Erklärungen dafür, warum von genetisch eineiigen Zwillingen nur ein Zwilling zu hohe Blutzuckerspiegel oder Herz-Kreislauf-Beschwerden entwickelt.

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Epigenetik - das steckt dahinter

Der Begriff Epigenetik setzt sich aus "Genetik" und dem Begriff „Epi“ zusammen, der aus dem Griechischen stammt und „auf“ bedeutet. Es geht darum wie Umwelteinflüsse auf unsere Gene wirken. Dazu zählen Schadstoffe, wie viel wir uns bewegen, ob wir Krisen durchlebt haben und auch unsere Ernährung. Zwar können wir unsere Erbanlagen nicht vollkommen neu schreiben. Aber wir können dafür sorgen, dass ungünstige Gene nicht aktiviert werden, quasi „ausgeschaltet“ werden und günstige Gene aktiviert werden.

Epigenetik und Ernährung: Wir wir Gene an- und ausschalten können

Jede unserer Zellen enthält exakt das gleiche Genmaterial. Dennoch wird aus der einen eine Hautzelle, aus der anderen eine Leberzelle oder eine Zelle unseres Herzens. Dies ist möglich, weil je nach Aufgabe der Zelle bestimmte Gene aktiviert werden. Von den 22.000 Genen, die jede unserer Zellen enthält, sind nur einige Hundert von ihnen tatsächlich „angeschaltet“. Auf biochemischer Ebene geschieht dies u. a. über Moleküle wie Methyl- oder Acetylgruppen, die sich an Gene anhängen und diese aktivieren. Diese Abläufe finden Tag für Tag millionenfach in unserem Körper statt. Umso wichtiger, dass es die richtigen Gene sind, die „angeknipst“ werden – und nicht jene, die wir uns nicht wünschen. Glücklicherweise können wir dafür einiges tun.

Epigenetische Ernährung: Nährstoffreich, naturbelassen und bunt

Der bisher am besten untersuchte Teilbereich der Epigenetik ist der Einfluss unserer Ernährung auf unsere Gene. Doch wie kann, was wir essen, Einfluss auf die Gene in unseren Zellen nehmen? Die Methylgruppen, die Gene aktivieren, stammen auch aus unseren Lebensmitteln. Eine vitaminreiche Gemüsepfanne schaltet daher andere Gene ein bzw. aus als ein Wurstbrot.

Wie weitreichende Auswirkungen die Ernährung haben kann, zeigt ein Beispiel aus dem Tierreich: Nur eine Biene, die Gelée Royale gefüttert bekommt, wird zur Königin. Mit normaler Pollennahrung bleibt sie eine Arbeiterbiene. Die besonders nährstoffreiche Nahrung sorgt dafür, dass die Königin größer wird als andere Bienen und sich fortpflanzen kann.

Der Zusammenhang zwischen bestimmten Nährstoffen und unserem Erbmaterial zeigt sich auch beim Menschen, wie man heute weiß. Zum Beispiel bei eineiigen Zwillingen, die sich unterschiedlich ernährten. Isst der eine Zwilling über mehrere Wochen gesättigte Fette, aktiviert das jene Gene, die Entzündungen fördern und den Cholesterinspiegel steigen lassen.

Auf der anderen Seite, wissen Epigenom-Forscher mittlerweile, dass eine nährstoffreiche Ernährung günstig auf die Genregulation wirkt. Als vorteilhaft gilt die „Kreta“-Ernährung: Reichlich frisches Gemüse und Obst, Getreide in Maßen, Hülsenfrüchte, Fisch und pflanzliche Öle. Eine besondere Rolle spielen dabei auch die sekundären Pflanzenstoffe. Bringen Sie Farbe auf den Teller. Je bunter Ihr Speiseplan, desto besser, raten Epigenom-Forscher.

Bestimmte Lebensmittel gelten dabei als „Methylgeber“, die direkt am Epigenom ansetzen. Dazu zählen Forschern zufolge zum Beispiel Brokkoli und grüner Tee, die viele Polyphenole und Sulforaphan liefern.

Vorsicht vor Zucker, Schadstoffen und Weichmachern

Was unser Erbmaterial nicht so gerne mag? Zucker ist aus genetischer Sicht ungünstig, denn er aktiviert Entzündungsgene. Genauso ungünstig: Schad- und Giftstoffe. Setzen Sie daher möglichst oft auf naturbelassene Lebensmittel, die weniger belastet sind. Umweltschadstoffe können wir dagegen schwerer beeinflussen. Sorge bereiten Forschern vor allem Weichmacher aus Plastik. Bisphenol A und Phtalate, die in Trinkflaschen, Lebensmittelverpackungen und Konserven stecken, verhindern die Methylierung der Gene. An Tieren wurde beobachtet, dass diese dick und krank wurden, wenn sie diesen Stoffen ausgesetzt waren. Meiden Sie daher Plastikverpackungen so gut es geht.

Neben den genetischen Code gehen auch die epigenetischen Erbinformationen auf die folgende Generation über. Bereits im Mutterleib beeinflusst etwa Folsäure die Zellteilung und Genetik des ungeborenen Babys und kann einem offenen Rücken vorbeugen. Daten aus dem Hunger-Winter 1944/45 belegen, dass Frauen, die zu dieser Zeit schwanger waren, Babys zur Welt brachten, die schon früh Stoffwechsel- oder Herzprobleme entwickelten.

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Fazit: Epigenetische Ernährung bietet eine große Chance

Die epigenetische Ernährung entspricht insgesamt weitgehend dem wozu die Ernährungswissenschaft ohnehin schon rät: mehr Obst und Gemüse, weniger verarbeitete Produkte. Also ist die Epigenetik ein alter Hut? Nein, sondern vor allem eine weitere Erklärung, warum es günstig ist, bestimmte Lebensmittel und Speisen zu bevorzugen.

Noch steckt die epigenetische Forschung am Anfang. Welche Nährstoffe wie wirken, gilt es noch genauer herauszufinden. Doch schon jetzt wissen wir: Unsere Gene sind zumindest zu einem Teil kein Schicksal. Unser Epigenom ist dynamisch und wandelbar. Bisher wurden viele Studien im Labor vorgenommen und es gilt weiter zu untersuchen, inwieweit die Erkenntnisse auf den Menschen zutreffen. Forscher sehen darin ein großes Potential, was unsere Verlangung betrifft. Schon jetzt können wir mit dem richtigen Bewusstsein dazu betragen, unsere Ernährung und unseren Lebensstil bestmöglich zu gestalten!

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