Gesundheit

Darm-Hirn-Achse: Wie der Darm unsere Persönlichkeit beeinflusst

Beitrag wurde erstellt von:
Lisa Hamsch

Gesund und glücklich sein – mit den richtigen Darmbewohnern ist alles möglich. Denn Ihr Nervengeflecht im Darm ist der Taktgeber. Lesen Sie hier, wie Ihr Darm mit Ihrem Kopf kommuniziert und welchen Einfluss die Darmbakterien auf Ihre Stimmung haben.

Der Darm ist nicht nur an der Verdauung beteiligt. Faszinierende Forschungsergebnisse zeigen, dass er auch bei vielen anderen Beschwerden, fern der Verdauung, Einfluss nimmt. Doch wie viel hat unser Darm samt seiner Bakteriengemeinschaft auch bei Übergewicht, Diabetes oder auch bei unserer Stimmung mitzureden? Und wie schafft er das überhaupt? Was wir erfahren, verändert unsere Sicht auf die Entstehung vieler Beschwerden.

Die Darm-Hirn-Achse: So kommuniziert der Darm mit unserem Körper

Der Darm scheint für unsere Gesundheit das zu sein, was der Frankfurter Flughafen für den Flugverkehr ist: Ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt, an dem Informationen eingehen, aber auch in den ganzen Körper versendet werden. Um die Zusammenhänge zu verstehen, versuchen Forscher herauszufinden wie diese Kommunikation abläuft.

Dass unsere Stimmung uns auf Magen und Darm schlägt oder wir schlechte Nachrichten erstmal verdauen müssen, hat jeder schon mal gespürt. Doch die Kommunikation verläuft in beide Richtungen. Und der Nachrichtenfluss vom Kopf nach unten in Richtung Darm ist nur ein Bruchteil dessen, was sich in entgegengesetzter Richtung abspielt: Verbunden sind Kopf- und Darmhirn über eine regelrechte Datenautobahn, die Darm-Hirn-Achse. Und wer hier das Sagen hat, wird schon dadurch deutlich, dass etwa 90 Prozent der Informationen in diesem Nervenstrang von unten nach oben senden, also vom Bauch in Richtung Kopf. Nur über die übrigen 10 Prozent kann unser Kopf seinen Einfluss geltend machen. So entsteht ein völlig neues Bild von Gesundheit und Krankheit, in dem der Darm eine weitaus bedeutendere Rolle als ein reines Verdauungsorgan spielt.

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Das enterische Nervensystem („Bauchhirn“)

Das dichte Nervengeflecht in unserer Darmwand, das enterische Nervensystem (ENS), ist an der Kommunikation des Darm-Mikrobioms beteiligt. Dieses dichte Nervengeflecht besitzt rund 100 Millionen Neuronen und aufgrund seiner ähnlichen Struktur und Komplexität wie das Gehirn, wird es als „Bauchhirn“ bezeichnet.

Die Kommunikation zwischen dem enterischen und dem zentralen Nervensystem findet mittels Botenstoffen, sogenannte Neurotransmitter, statt. Zu diesen zählen Serotonin, Dopamin und Gamma-Aminobuttersäure (GABA). Diese werden sowohl im ZNS als auch im ENS gebildet und Darm und Hirn können sich so austauschen und wechselseitig beeinflussen.

Wie der Darm unsere Persönlichkeit beeinflusst

Die Forschung auf diesem Gebiet steht noch in den Anfängen. Allerdings werden immer mehr Zusammenhänge zwischen intestinalem Mikrobiom und unserem Gehirn entdeckt. Die Billionen Bakterien in unserem Darm können sogar unsere Stimmung und Persönlichkeit beeinflussen. Die ersten Forschungsergebnisse haben wir für Sie zusammengefasst:

Stimmungshoch und Motivation

Serotonin, das auch als Glückshormon bezeichnet wird, wird zu 90 Prozent im Darm aus der Aminosäure Tryptophan gebildet und ist entscheidend für gute Laune, Motivation und eine ausgeglichene Stimmung. Das Tryptophan wird unter anderem von den „guten“ Bakterien Bifidobacterium infantis gebildet. Je mehr dieser Bakterien im Darm angesiedelt sind, desto mehr Serotonin wird hergestellt. Schädigen zum Beispiel Stress oder eine ungünstige Ernährung das Mikrobiom, wird weniger Serotonin gebildet.

Depressionen

Forscher der Universität Löwen in Belgien haben in Studien den Zusammenhang zwischen Mikrobiom und unserem Verhalten analysiert. Dazu wurden Stuhlproben von mehr als 2000 gesunden und depressiven Menschen untersucht. Das Ergebnis: Im Darm depressiver Menschen herrschte ein Mangel an verschiedenen Bakteriengattungen. Ob dieser Mangel die Depression hervorgerufen hat oder die Folge der Depression selbst ist, müssen weitere Studien zeigen.

Ängstlichkeit

Wissenschaftler der McMaster University in Ontario untersuchten das Verhalten von Mäusen nach Antibiotikagabe. Das Ergebnis: Nager, die Antibiotika erhalten haben und sich daraufhin eine Dysbalance in der Darmflora entwickelte, wurden ängstlicher als zuvor. Zudem veränderten sich die BDNF-Spiegel im Gehirn der Mäuse. BDNF ist ein Protein und steht in Korrelation mit Depressionen und Ängstlichkeit. Wurde das Antibiotikum abgesetzt, normalisiert sich nicht nur die Darmflora, sondern auch ihr Verhalten.

Stress

Studien der Universität Oxford zeigen, dass sogar unser Stresslevel von Darmbakterien mitbeeinflusst wird. Über drei Monate aßen Probanden eine Extra-Portion Ballaststoffe. Diese stellen eine beliebte Nahrung für „gute“ Darmkeime dar und fördern so deren Wachstum. Und tatsächlich: Die Menge des Stresshormons Cortisol ging deutlich zurück, ein Beleg dafür, dass der Stresspegel gesunken ist.

Sättigung und Hungergefühl

Das enterische Nervengeflecht im Darm entscheidet auch über unseren Hunger mit – und damit auf einem weiteren Weg über unser Gewicht. Das Nervengeflecht im Darm bewertet nämlich den Nährstoffgehalt unserer Nahrung. Fällt dieser bei der Prüfung durch, wird nach oben hin nachgefordert. Das Kopfhirn meldet Hunger, oder in manchen Fällen sogar Heißhunger, wenn wir tagsüber nicht so gegessen haben wie es unserem Körper entspricht.

Desweitern nehmen die Darmbewohner auch Einfluss darauf, was wir essen wollen. Sie produzieren Moleküle, die mit den Appetit-regulierenden Peptiden und Hormonen interferieren. Auch durch ihre Freisetzung der Neurotransmitter wie Serotonin, Acetylcholin und Norepinephrin können die Darmbakterien unsere Stimmung beeinflussen und somit indirekt auch unser Essverhalten.

Wie Sie sehen, das Mikrobiom im Darm entscheidet über weit mehr als die Stärke unseres Immunsystems. Mittlerweile sind sich Forscher einig, dass eine Dysfunktion der Darm-Hirn-Achse auch die Entstehung von neurodegenerativen und psychischen Krankheiten zur Folge haben kann.

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Die nützlichen Darmbakterien „füttern“ – darauf kommt es an

  • Art der Ernährung: Möglichst pflanzenbetont essen
  • Vielfalt in der Ernährung
  • Anteil an Ballaststoffen und resistenter Stärke
  • Sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole
  • Fermentierte Lebensmittel wie milchsaures Gemüse
  • Reduzieren: Menge an tierischen Lebensmitteln, Zusatzstoffe, Süßstoffe, Fertigprodukte

Welche Rolle pflanzliche Lebensmittel spielen, zeigt auch eine Auswertung von 243 Studien aus 40 Jahren, die in der Medizinfachzeitschrift Lancet veröffentlicht wurde. Nur pflanzliche Lebensmittel enthalten Ballaststoffe. Menschen, die reichlich davon essen, haben eine um 30 Prozent geringere kardiale Sterblichkeit. Herzkrankheiten, Schlaganfall und Diabetes traten bei ihnen deutlich seltener auf. Fazit der Forscher: Je mehr Ballaststoffe, desto besser für unser Mikrobiom und desto größer der Nutzen für unsere Gesundheit.

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